Die Digitalisierung im Einzelhandel benötigt vor Ort eine kritische Masse

Gastbeitrag

Viele regionale Einzelhändler kennen ihren Stand-punkt in der Digitalisierung, sie möchten etwas än-dern, möchten auf den Zug des digitalen Zeitalters aufspringen und etwas bewegen. Der eigene Profit steht dabei nicht im Vordergrund, sondern die Auf-rechterhaltung der lokalen Infrastruktur.

Fragt man bei den Städten oder Kommunen nach, ist das allerdings nicht die Standardstimme. Wenn in einer Stadt von 100 Einzelhändlern nur sieben oder acht dabei sind, die sich einem regionalen Förderungsprojekt wirklich annehmen wollen, fehlt in einer Region die kritische Masse und damit ein extrem bedeutender Faktor für den Erfolg der Digitalisierung im Einzelhandel.
Die Bedeutsamkeit der kritischen Masse vor Ort kann gut mit der Bedeutsamkeit eines Luftballons verglichen werden. Ein Luftballon allein macht noch keine Party, erst die Vielzahl an Ballons lässt ein Gefühl von Feierlichkeit aufkommen. Ein ein-ziger Einzelhändler wird somit kaum eine Digitalisierungsrevolution in der Region bewirken können. Es muss sich eine kritische Masse bilden, die zusammen an Fortschritt interessiert ist, und sich bewusst ist: Der erste Atemzug beim Aufblasen eines Luftballons ist der schwerste. Hier wieder metaphorisch gedacht. Einen Anfang zu finden, Konzepte, Strategien und Technologien zu entwickeln ist der erste Schritt. Aber alle darauffolgenden Schritte werden einfacher.
 

Digitalisierung ist immer ein Mittel zum Zweck, nicht mehr und nicht weniger, und Informationstechnologien gab es schon immer. Nur hat sich die Intention hinter den Technologien im Bezug auf die Digitalisierung im regionalen Einzelhandel ver-ändert. Die Technologien sind nun näher an und auf die Bürger, Kunden und Geschäftsprozesse einer Region ausgerichtet und zugeschnitten. Sie entwickeln sich immer mehr in die Richtung, einen echten Zielbeitrag für Endkunde und Usability in diversen Bereichen zu leisten. Das liegt unter anderem daran, dass Consumer Technologies wie Handys und Tablets immer univer-seller und günstiger werden und damit die Technologie weiter befördern. Möglichkeiten, wie die Schichtplanung per Whatsapp wären vor einigen Jahren noch nicht denkbar gewesen.
 

"Nach der kritischen Masse gibt es zwei essentielle Zutaten, um den digitalen Wandel mitgestalten zu können, diese mitgestalten zu können, diese"

In Amsterdam gibt es beispielsweise ein an einem Baum der Innenstadt befestigtes Vogelhaus, das öffentliches WLAN ak-tiviert, sobald eine relativ gute Luftqualität erreicht ist. Dies ist eine ausgefallene, innovative Idee, um auf ein auf der ganzen Welt bestehendes Umweltproblem aufmerksam zu machen. Die-ses Vogelhaus hat natürlich nichts mit der Digitalisierung des Einzelhandels in Siegen zu tun. Der springende Punkt ist, dass Sichtbarkeit und Bürgernähe solcher Projekte in jedem Land, je-der Kommune oder Region natürlich komplett unterschiedlich sind. Was in einer bestimmten Stadt Sinn ergibt, ist in der nächs-ten Stadt völlig überflüssig. Daher muss der Nutzen für die re-gionale Entwicklung festgelegt werden, ein spezifisches Denken beachtet und spezielle, für die Region sinnvolle Ziele gesteckt werden, damit der kritischen Masse Lösungen angeboten sowie Probleme skaliert werden können.

In der Region Siegen hat sich die wichtige, kritische Masse ge-bildet und das Projekt der Digitalisierung des Einzelhandels - „Lozuka“ - konnte vor drei Jahren starten. Seitdem hat sich die Plattform erfolgreich entwickelt und unterstützt den regionalen Handel effektiv. Mit nunmehr 30 Einzelhändlern werden derzeit über 1 Millionen Produkte auf einem Marktplatz vereint, inklu-sive kostenloser Same-Day-Delivery. Die Händler in Siegen sind zu aktiven Mitgestaltern geworden und sehen Lozuka als einen wichtigen Bestandteil ihres Alltags an.

Ich habe das Thema in der Region Siegen im Rahmen der Um-frage über die Zukunft des Handels und der (möglichen) Rolle von Lozuka beleuchtet. Endkunden wurden zu Ihrem Einkauf auf Lozuka befragt, Nicht-Kunden zu ihrem fehlenden Interesse. Die Studie hat ergeben, dass der Wunsch, regional auf Lozuka einzukaufen bei den Verbrauchern als wahre Alternative zu an-deren Onlinekaufhäusern angesehen werden kann. Außerdem hat sich als eines der Hauptergebnisse herausgestellt, dass Kun-den, die ein mal bei Lozuka bestellt haben, tendenziell wieder bei Lozuka bestellen werden und selten wieder davon abkommen. Zudem hat sich gezeigt, dass es eine Vielzahl an Kunden gibt, die noch nicht bei Lozuka bestellt haben, aber es gerne würden. Das Potenzial der Plattform ist also noch nicht ausgeschöpft und hat nun die Chance, weiter zu wachsen.

ÜBER DEN AUTOR:
Universitätsprofessor Dr. Dr. Björn Niehaves steht für das Thema Digitale Innovationen und ihre Bedeutung für die unternehme-rische Wertschöpfung. Nach Zwischenstationen u. a. in Harvard, an der London School of Economics und der Copenhagen Busi-ness School ist er heute Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts-informatik und Direktor des Forschungskollegs an der Universi-tät Siegen. Darüber hinaus fungiert er als Vorstand des Siegener Mittelstandsinstituts sowie als Mitglied des Digitalisierungsbei-rats der NRW-Landesregierung. In letzterer Funktion begleitet er auch Projekte im Bereich datengetriebener Geschäftsmodelle im Einzelhandel im Auftrag des NRW-Wirtschafts- und Digita-lisierungsministeriums. Neben seiner Forschungstätigkeit ist er beratend für führende Unternehmen tätig, vor allem bei ihrer Strategieentwicklung und Führungskräftefortbildung zur Digi-talisierung.